Yogaschule Tübingen
Rede von Helga Hoenen
(Freundin und Kollegin von I. Wiltschek) beim Jubiläum
2007
Anlässlich der Feier zum 30-jährigen Berufs-Jubiläum und dem
20-jährigen Bestehen der "Yogaschule Tübingen" wurden Ingrid Wiltschek
von ehemaligen Schülerinnen und Kolleginnen die unterschiedlichsten
Blumen überreicht, die zusammen einen erstaunlich harmonischen Strauß
ergaben. Diese Fülle und Vielfalt steht symbolhaft für die Art und
Weise, wie sich an dieser Schule der Yoga entwickelt hat und praktiziert
wird.
Um dies zu veranschaulichen möchte ich (Helga Hoenen) als langjährige
Wegbegleiterin und Mitarbeiterin von Ingrid Wiltschek einiges aus ihrer
Jubiläumsrede aufgreifen. Sie begann mit einem ihrer Lieblingsgedichte
des spanischen Lyrikers Antonio Machado.
„Wanderer, deine Fußabdrücke selbst
sind der Weg, und sonst nichts.
Wanderer, es gibt keinen Weg;
der Weg entsteht beim Gehen.
Beim Gehen entsteht der Weg, und wenn du zurückblickst,
siehst du den Pfad, den du nie mehr betreten wirst müssen.
Wanderer, es gibt keinen Weg.
Nur glitzernde Schaumkronen auf dem Meer.“
Diese Zeilen versinnbildlichen anschaulich ihre 40-jährige
Entwicklung als Yogaschülerin und –lehrerin bis heute.
Von Beginn ihrer Yogapraxis bei deutschen Yogalehrern fühlte sie sich
angesprochen von dem dem Yoga zugrundeliegenden Geist: dem Weg zur
Freiheit (kaivalya-pada), der Gewaltlosigkeit (ahimsa), der
Selbsterkenntnis durch Selbstbeobachtung (svadyaya) und der
Wahrhaftigkeit (satya).
Es inspirierte sie, sich auf den Weg zu machen und dabei immer offen zu
bleiben für verschiedene Yogatraditionen.
Dies führte sie bereits in den
70er Jahren zu ganz unterschiedlichen Yogalehrern in Indien und Nepal.
Zurück in Deutschland nach einem Jahr in Asien war es dann eine echte
Herausforderung, die im Osten gemachten Erfahrungen im Westen praktisch
umzusetzen. Sie suchte im Westen weiter nach Anregungen und studierte
mit vielen namhaften in Europa lehrenden "Yoga-Meister/innen" und setzte
sich mit verschiedenen Richtungen westlicher Körperarbeit und
humanistischer Psychologie auseinander: u.a. Tanz, Eutonie,
Gestalttherapie, Sensory Awareness, Feldenkrais.
Aber auch die offene und kritische Atmosphäre der Universitätsstadt
Tübingen hat ihren Weg während ihres Studiums der Sozial- und
Verhaltenswissenschaften bis heute nachhaltig beeinflusst. Als "Kind der
68er" erlebte sie die kritische Auseinandersetzung mit allem
Bestehenden, besonders mit Autoritäten. Nichts wurde unhinterfragt
hingenommen, weder Lehrsätze noch Glaubenspostulate, alles wurde neu
erforscht und auf seinen Bestand hin geprüft. Das galt bei Ingrid
Wiltschek auch für den Yoga und es ist bis heute so geblieben.
Ihr Interesse an Forschen, Lernen und Weiterentwickeln zeigt sich auch
darin, dass sie ihrer Art, Yoga zu praktizieren und zu unterrichten
bisher keinen eigenen Namen gegeben hat. Dies wäre eine Festlegung, die
den Fluss der Veränderung (parinama) erschweren würde.
Ihr Lebensweg hat ihren Yogastil geprägt und wird ihn auch weiterhin
beeinflussen. Er ist gekennzeichnet durch:
- einen bewussten und achtsamen Umgang mit sich selber
- ein respektvolles Miteinander während der Yogapraxis
- individuelle, an den Bedürfnissen der Teilnehmenden orientierte
Gestaltung und Ausführung von Asana und Pranayama
- detaillierte Vorbereitung und Variabilität der Asana
- das Zusammenspiel von kraftvoller, fließender Bewegung mit dem
spürsamen Innehalten und Still-Werden
- Lebenslust, Freude und Humor.
Ingrid Wiltschek schloss ihre Rede mit einem Spruch des Zen-Meisters
Basho:
"Sucht nicht nach den Spuren der Alten,
sucht nach dem, was die Alten suchten."
Darin sieht sie ihre Lebensaufgabe: die Menschen, die zu ihr in den
Yogaunterricht und die Ausbildung kommen zu ermutigen, ihre eigene für
sie stimmige Yogapraxis zu entwickeln und auf ihrem eigenen Weg
weiterzugehen.
Helga Hoenen
© 2011 Yogaschule Tübingen
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